| Das MoMA war in Berlin - und wie! Endlich mal wieder ein europäisches einzigartiges Event, ein kulturelles und kommerzielles Highlight. Kunstliebhaber und solche, die es werden wollten, kamen aus fernen Ländern und sogar aus Wedding angereist, um in der Neuen Nationalgalerie die vielen berühmten Bilder aus New York zu bestaunen. Und selbst bei den größten Kunstbanausen hat sich das Logo und die Farbkombination aus Schwarz - Gold - Magenta in den letzten sieben Monaten für immer eingebrannt. Aber so großartig die ausgestellten Werke von Picasso, van Gogh oder Chagall auch waren, das eigentliche MoMA-Kunstwerk war definitiv die Besucherwarteschlange, die sich zu einer regelrechten institutionalisierten Performance entwickelte. Während des ewiglangen Wartens vor dem Eingang bis zu 10 Stunden haben Kleinkünstler die Zeit mit putzigen Darbietungen überbrückt, Studenten haben Klappstühle vermietet oder sich selbst gegen Bezahlung als Warteschlangenplatzhalter angeboten, Masseure haben bei den Wartenden erste Ermüdungserscheinungen weggeknetet, und manch einer hat schon mitten in der Nacht vor dem Eingang mit einem Schlafsack campiert. Die MoMA-Warteschlange war aber nicht nur ein Gesamtkunstwerk, sondern auch unter PR-Gesichtspunkten ein marketingtechnisches Lehrstück getreu dem Motto: Je länger, desto besser". Na also, auf die Länge kommt es eben doch an! Wenn man dann nach etlichen Stunden endlich drinnen im Mies van der Rohe-Bau war, ging die Show gleich weiter, denn aufgrund des Eventcharakters kamen natürlich auch Leute in die Ausstellung, die noch nie vorher ein Museum von innen gesehen haben. Und so kam es, daß im MoMA die Kunstliebhaberin aus Paris mit selbst genähter Cordjacke neben Atze aus Lichtenberg mit der Latzhose vor dem Bild Marokkanischer Garten" von Matisse standen und jeder für sich fachsimpelte. Der Atze: Mandy! Meine Fresse, Kiek ma hier dit bunte Bild aus Tusche!" Dagegen die französische Kunstliebhaberin: Mon dieu, diese einzigartige farbliche Symbiose aus Abstraktion und Realismus!" Wahnsinn, was da insgesamt für berühmte Werke von Picasso, Kandinsky, Dix und wie sie alle heißen auf einem Fleck versammelt waren. Keine Frage, da waren sich alle einig: Das ist große Kunst, und so standen die Besucher oftmals mit offenen Mündern staunend vor den Exponaten. Gelegentlich aber konnte man auch beobachten, wie sich bei manchem Besucher bei der Betrachtung eines Kunstwerkes eine klitzekleine Ernüchterung einstellte. Klar, wer seit jeher z.B. Dalis Beständigkeit der Erinnerung" von überdimensionalen DIN A 1 Postern aus dem Baumarkt her kennt, war dann über die realistische Größe von 24 x 33 cm doch eher enttäuscht, auch wenn natürlich kein Poster der Welt die echten Farben wiedergeben kann. Ein paar mehr skeptische Gesichter konnte man auch vor einigen abstrakten oder minimalistischen Bildern oder Skulpturen erkennen: z.B. vor Newmans Werk The Wild", das eigentlich nur aus einem roten senkrechten Strich besteht oder vor Dines Fünf fuß farbenfrohes Werkzeug", welches aus diversen an der Wand angehängten und mit farbigen Spraydosen besprühten Werkzeugen besteht oder Morris Werk Ohne Titel", bestehend aus einem in sechs Bahnen geschnittenen und an der Wand befestigten Stück Stoff. Und so konnte man ab und zu mal einen Besucher leise vor sich hin murmeln hören: Watt denn, dit soll Kunst sein?" Tja, und wenn wir jetzt schon mal dabei sind, abschließend kurz noch die rhetorische Frage: Was ist denn eigentlich Kunst bzw. wo fängt Kunst an und wo hört sie auf? Ist es Kunst, wenn beispielsweise Beuys einen mit Käsedosen zugeklebten Mülleimer samt Lappen und Schwamm in die Ecke eines Raumes stellt und das dann irgendwie metaphorisch betitelt? Ist es Kunst, was da zum Teil im Museum für moderne Kunst im Wiener Museums Quartier ausgestellt wird? Da findet sich z.B. im Keller folgendes Werk: Eine immer wieder von vorne beginnende Videoinstallation, bei der sich ein splitterfasernackter österreichischer Aktionskünstler selber dabei filmt, wie er sich mit einem Messer eine Wunde in den Oberschenkel schneidet, diese dann selbst provisorisch mit Nadel und Faden zunäht, anschließend den restlichen Faden um seinen schrumpeligen Penis knotet und zu guter Letzt das über den Schenkel tropfende Blut wegpinkelt. Und nicht weit daneben findet sich ein weiteres Werk: Ein riesiges Foto, wo ein Performancekünstler einen toten Ziegenbock (oder ein ähnliches Tier) vor einer weißen Leinwand in der Mitte aufgeschnitten und all das Blut und die Gedärme an der Wand und auf dem Boden verstreut hat. Hallo? Alles klärchen? Der Witz an der Sache aber ist ja, daß da dann seriöse Kunstprofessoren davor stehen, die Nickelbrille auf der Nase fachmännisch zurechtgerückt haben und in dieses Kunstwerk" sonst was Gesellschaftskritisches hineininterpretieren. Wenn aber diese Leute jemanden sehen, der mal eben einen Playboy" durchblättert, dann rümpfen sie die Nase und schauen denjenigen verachtend an. Na ja, darüber wo Kunst aufhört und Perversion anfängt, lässt sich sicher streiten. Kunst ist eben interpretationsfähig, und am amüsantesten wird das im sehr zu empfehlenden Theaterstück Kunst" von Yasmina Reza behandelt. Da diskutieren drei Schauspieler auf der Bühne eine Ewigkeit über die Wirkung und Bedeutung eines einzigen Bildes - das aber nur aus einer weißen Leinwand besteht
Prinz Pikkolo, September 2004 |