Kolumnen 2003

                                                                „Herbstspaziergang mitten in Berlin"

Was kann es derzeit Schöneres geben, als bei einem kleinen Herbstspaziergang mal so richtig genüßlich die Seele hin- und herbaumeln zu lassen?

Man könnte beispielsweise ganz gediegen im grünen Bezirk Zehlendorf herumschlendern, vorbei an prächtigen Villen, wo glückliche Familien sorgenlos in den Tag hinein leben, wo sich die Bürger noch auf dem Gehsteig einen gesegneten „Guten Tag" wünschen und Berlin an die heile Welt von Schlumpfhausen erinnert. Man könnte auf pittoresken Spazierwegen entlang sämtlicher Seen flanieren und mit weichen Brotkrumen aus der Manteltasche kleine Entlein füttern.

Ja, man könnte. Aber das ist soooo laaaangweiliiiiiiiig!

Daher muß man den Kontrast suchen und „raus in die Stadt". Am besten mit der BVG, denn da kann man was erleben! Also löst man für eine ordentliche Stange Geld eine Tageskarte und steigt dann am Bahnhof „Krumme Lanke", „Thielplatz" oder „Dahlem-Dorf" in die Linie 1. Da beim Flanieren der Weg das Ziel ist, kann auch schon die U-Bahnfahrt genossen werden, denn dank der neuen Züge, deren Abteile durchgängig verbunden sind, kann man prima durch den Zug schlendern, Passagiere beobachten und eine kleine Studie anfertigen, wie von Station zu Station in Richtung „Warschauer Straße" das soziale Gefälle deutlich wird. Außerdem kann man die Verkäufer sämtlicher Straßenmagazine zählen und den Klängen gescheiterter Musikstudenten mit Flöten und Gitarren lauschen - und mit etwas Glück, wird man vielleicht sogar Zeuge eines Handgemenges zwischen einem erbosten Schwarzfahrer und den als Ich-AGs agierenden Kontrolleuren, die sich mittlerweile so gut tarnen können, daß man meinen könnte, bei ihnen handele es sich um alkoholabhängige Obdachlose.

Am Bahnhof „Wittenbergplatz" steigt man aus und läuft schnurstracks in das KaDeWe. Dort geht es zunächst in die Parfümerieabteilung, um sich wie Jean-Baptiste Grenouille aus Süskinds Roman an den Düften zu berauschen und sich gleichzeitig am Anblick der Verkäuferinnen zu ergötzen, die zum Teil stärker geschminkt sind als die Darstellerinnen auf der „Venus 2003".

Dann geht es mit dem Glasfahrstuhl in die sechste Etage, wo man sich interessiert die teuren Weine zeigen läßt und ein Lenôtre-Baguette verspeist. Dann kauft man sich ein paar Stücke Godiva Konfekt als Wegzehrung und fragt sich beim Bezahlen kurz, wie viele dieser Konfektstücke man wohl für das durchschnittliche Monatsgehalt eines vollzeitbeschäftigten Arbeiters bekommen würde - eine halbe Tüte wäre es bestimmt.

Bevor man das KaDeWe wieder verlässt, schlawinert man noch kurz mit einem Foto-Handy an ein paar Damen Umkleidekabinen in der Unterwäscheabteilung vorbei und probiert anschließend noch in der Spielwarenabteilung ein paar Halloween-Kostüme aus, um ganz kleine Kinder in der Steifftier-Abteilung zu erschrecken.

Nun geht es zum „Klops", der quasi das Epizentrum für einen voyeuristischen Flaneur am Ku-damm darstellt. Vor dem Springbrunnen singt sich ein dünnes Männchen einer Sekte systematisch ins Nirwana, aber das absolute Highlight ist hier jedoch der Weltmeister im Grimassenschneiden, der seine Unterlippe über das ganze Gesicht ziehen kann. Applaus!

„Wo geht's denn hier ins Hard Rock Café?", wird man plötzlich von einer „Plateau-Buffalos-Schlaghosen-Augenbrauen-Piercing-Klassenfahrtsgruppe" gefragt. Man zeigt absichtlich in Richtung KaDeWe und betont, daß man aber von dort noch mindestens 30 Km zu laufen hat.

Im „Europa Center" guckt man sich die legendäre Wasseruhr an. Wenn man möchte, läßt es sich auch ohne weiteres arrangieren, von den vielen herumlungernden 16jährigen sozialen Härtefällen, die mit Trainingshosen bekleidet immerfort Kürbiskernschalen auf den Boden spucken und mit ihren Handys (die sie natürlich mit einem Band um den Hals gehängt haben) täglich die „Kiss FM-fuck-you-hotline" anrufen, eine ordentliche Tracht Prügel zu kassieren. Dafür braucht man lediglich ganz laut zu rufen: „50 Cent ist ein Pseudo-Rapper" oder man guckt halt einfach mal 10 Sekunden etwas blöd in der Gegend herum.

Wenn man darauf keine Lust hat, kann man natürlich auch in den Superladen „cultimo" gehen, wo es phantastische Geschenkideen gibt, wie z.B. fliegende Batteriekühe, Laserpointer, essbare Slips, Lavalampen und noch ganz viele andere witzige Dinge. Juhuuuu!

Anschließend promeniert man über den Ku-damm an Hütchenspielern und einer 14köpfigen mit Panflöten musizierenden Indianercombo vorbei. Man erschreckt kurz, als testosterondurchflutete Türken in einem tiefergelegten 3er BMW hupen und einer Gruppe Mädchen hinterherpfeifen, um sich für abends in einer Eisdiele oder irgendwo und irgendwann am Autoskooter eines Rummels zu verabreden.

Nun wird es aber Zeit für ein 4 EURO-Milchshake bei „Häagen Dazs". Während man die cremige Masse durch einen Strohhalm saugt, fragt man sich kurz, ob man vor drei Jahren nicht noch das Ordnungsamt, die Polizei oder zumindest die BILD-Zeitung gerufen hätte, wenn irgendjemand für einen einzigen schnöden Milchshake 8 DM verlangt hätte.

Anschließend geht es an der Gedächtniskirche vorbei zum „Kranzlereck", wo man im Café „Caras im ehem. Cafe Kranzler" `nen schaumigen Latte Macchiato schlürft und Ohrenzeuge wird, wie ein halbseidener Talentscout einer gestylten 15jährigen versichert, daß er sie ganz groß rausbringen wird - Ehrenwort! Ab und zu kommt auch mal ein Menschenhändler rein (dessen SL draußen in der zweiten Reihe parkt), um sich ein Vanille-Muffin zu bestellen.

Das Beste aber ist, daß man von diesem Platz aus die vielen enttäuschten Gesichter der Touristen beobachten kann, die aufgrund veralteter Reiseführer extra nach Berlin gereist sind, um das „gute alte Café Kranzler" als Hochburg der Berliner Caféhauskultur zu besuchen.

Ein Besuch des traditionsreichen Bahnhofs Zoo darf natürlich nicht fehlen! Hier ist es gewohnt skurril: Neben Strichern und Dealern rennt ein Junkie mit einem kleinen Handstaubsauger herum, um damit das Sonnenlicht aufzufangen.

Die letzte Station dieser Tour ist der gegenüberliegende Busbahnhof. Bevor man von hier aus wieder die Heimfahrt in den gediegenen Heimatbezirk antritt, kann man sich noch in ein Wartehäuschen setzen und diverse komische Szenen genießen - z.B. wie eine ältere Dame aus Bayern eine gehörige Portion Berliner Schnauze abbekommt, als sie den Busfahrer beim Bezahlen höflich fragt: „Was kriegen Sie?" - und dieser sie daraufhin anbrüllt: „Junge Frau, ick krich janischt, dat kricht allet die BeVauJe!"

Prinz Pikkolo, November 2003